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Fußpilger unterwegs
Der Grenzweg von Luxemburg nach Kevelaer
Begegnungen erfährst du, wenn du mit dem Rucksack über eine längere Strecke wanderst. Dabei liegt der Ursprung für dieses zunehmend sich verfestigende Wissen nicht in deinem Gegenüber, sondern bei dir selbst. Erst wenn du auf dem Weg alles hinter dir lässt, entsteht Platz für Neues.
Hatte sich diese Erkenntnis schon seit längerer Zeit bei vielen Wanderungen herausgebildet, kamen in diesem Frühjahr ganz besondere neue Erfahrungen hinzu: da meine Wegbegleiter - Anton Ripkens und Hans Gerd Op de Hipt - Brudermeister der 'Consolatrix Afflictorum' waren, wurde aus dieser Wanderung eine Pilgerreise. Fazit: Als Wanderer bist du willkommen, als Pilger wirst Du verwöhnt.
Das begann schon in Luxemburg: Brudermeister Jean-Pierre holte uns am Bahnhof ab, ging mit uns zum Dom, setzte uns in den Bus zum Müllertal, aß abends mit uns in Echternach-Brück und wünschte uns eine frohe Pilgerfahrt.Und dieser Reisewunsch ging auf wunderbare Weise in Erfüllung!
Die Eifel Wir nahmen nicht den kürzesten Weg nach Kevelaer, sondern den schönsten - den Aachener Pilgerweg nach Trier. Wir gingen ihn von Süden nach Norden. Die Eifel zeigte sich zu dieser Zeit noch sehr winterlich. An diesem Tag hatte die Sonne den Zenit schon lange überschritten. Ein Bauer sah uns kommen, lehnte sich auf seine Hacke und schaute uns erwartungsvoll an. Meine Wegbegleiter verstanden die Geste und blieben stehen. Ein bisschen klönen - auch das zeichnet die Pilgerfahrt aus.
Die Frau stellte sich als Witwe vor, die mit einem Metzger
verheiratet gewesen war und vier erwachsene Kinder hatte. Der jüngste Sohn war
zu Besuch bei seiner Mutter, und beide „verkörperten“ (buchstäblich!)
reichhaltiges Essen. Als ich ihr gestand, dass ich Vegetarier sei, schien sie
dies nicht zu beeindrucken; zumindest nahm sie es ohne besondere Anteilnahme zur
Kenntnis. Dann wurde serviert. Meinen beiden Brudermeistern liefen die Augen
über: dampfende Kartoffeln, Pilzsoße, Broccoli in Sauce Hollandaise und eine
Fleischplatte, die einer Unterplatte bedurfte, damit die Servietten aus reiner
Seide (!) nicht beschmutzt wurden. Lichtjahre entfernt von unseren
Mittagsmahlzeiten, die in der Regel aus einem trockenen Kanten Brot und einem
Apfel bestanden. Ich war versucht, einmal richtig hinzuschauen, ob nicht doch an
einem Pilz ein Kotelett hänge. Zumindest stachen alle meine Argumente nicht
mehr, die darauf hinausliefen, dass die Kraft der Hochleistungssportler aus den
Kohlehydraten komme und der Elefant das glänzendste Beispiel dafür sei. Das Frühstück am anderen Morgen stand dem Abendessen in nichts nach. Abschied – „Geht schon mal nach Kevelaer voraus, ich komme im Herbst nach“ sagte sie und ergänzte: „Das ist mein Jahresurlaub“. Wir verließen ein „Zuhause“.
Alles loslassen, das ist nicht einfach. Sich erst sorgen, wenn das Bedürfnis vor „der Tür ist“. Einfach in der Gegenwart leben. Das Wetter so annehmen, wie es kommt. Seinem Körper vertrauen, denn der ist viel leistungsfähiger als gemeinhin angenommen. Zeit zum Einfühlen nehmen, sich der Wegbegleiter und der Dinge am Weg freuen.
Die Wege - Aachen/Trier und Aachen/Kleve - zeichnen sich durch eine schöne Wegführung durch sehenswerte Landschaften aus und berühren kaum eine Autostraße. Ein Vorgeschmack vom Paradies? Zumindest ein Weg, um zu sich selbst zu finden.
Die Schneeeifel machte ihrem Namen alle Ehre. Kurz vor Aachen saßen wir im Schnee fest. Wir wollten ohnehin dem Lärm der Großstadt ausweichen. Wir stiegen in einen Bus, der uns auf den Weg in das Land zwischen Rhein und Maas brachte.
Wir hatten noch das diesige Wetter und den Wind in den Kleidern, der 'Schnee lag noch auf der Mütze', und die Eindrücke der letzten Tage hatten sich im Kopf gerade erst festgesetzt, als wir aus dem Bus stiegen. Welch ein Kontrast! Gerade noch Schnee und kalter Wind, jetzt wärmende Sonne auf unserer Haut. Alles ist im zarten Grün, und Blüten malen eine bunte Landschaft. Aufbruch und Hoffnung bewegen unser Gefühl. Wir wandern an Bächen und Tümpeln vorbei, erleben die Heide und die Wälder. Unseren Apfel mit dem Brot verzehren wir unter blühenden Bäumen. Wasser treibt die Mühlen an. Ein Bad für unsere Sinne. Die Düfte in der Luft, der Gesang der Vögel, die leuchtenden Farben und das leise Summen der Insekten.
Wir saugen die Eindrücke wie ein trockener Schwamm in uns auf. Staunend, gleichzeitig andächtig schweigend gehen wir unseren Weg. Dieses Land regt die Phantasie an.
In einem Dorf stoppt ein Kombi neben uns. Der Mann am Steuer bietet uns seine Hilfe an - wie immer am Abend suchen wir unser Bett. Neben ihm seine Frau, die uns nach unserem Befinden fragt. Wir drücken unsere Empfindungen aus; sie nickt und versteht uns. Dann erzählt sie von ihrem Weg von Trier nach Santiago de Compostela. Sie ist diese Strecke allein gegangen. Die errungene innere Ruhe war ihr erhalten geblieben. Sie gab uns einen Gruß mit für Kevelaer. „Wenn Wegberg geht, kommen wir mit“ sagt er. Bon Camino, euch einen guten Weg, und vielleicht treffen wir uns an der Gnadenkapelle wieder.
Wir überqueren die Straße und die nächste Kreuzung. Am Kreisverkehr biegen wir rechts ab, und 100 m weiter liegt unser Hotel. Alles ist still, kein Licht brennt. Wir klingeln, ein junger Mann öffnet und lächelt verständnisvoll. "Wie viele?" Wir fragen nach drei Betten. Er wirft seinen Rechner an. „Das Haus hat heute seinen freien Tag, und kein Zimmer ist für Gäste hergerichtet“ sagt er. Wir bekommen einen Platz im Frühstücksraum angeboten. Der Hausherr kommt mit seiner Frau. Sie packt sich die Bettwäsche unter den Arm, und er macht uns eine Kanne Kaffee, um die Wartezeit zu verkürzen. Vorsichtig fragen wir nach einem Obstler. Nicht, dass wir Alkoholiker sind - aber so ein Gläschen ist Medizin und macht müde Muskeln munter. Jeder erzählt ein wenig von sich, und schon bald erkennen wir, dass der Hausherr der Neffe von Tante Gretchen ist. So ist das am Niederrhein – überall der gleiche Schlag. Die beiden laden uns zum Abendessen in ein Restaurant ein. Da wir unterhaltsame Gäste sein wollen, lehnen wir ab. Nach einem derartigen Marsch durch die frische Luft und dann ins warme Zimmer folgt immer ein narkoseähnlicher Tiefschlaf. Und der kommt, auch wenn kein Bett in der Nähe ist.
Die Heimat zieht uns an, und wir müssen uns bremsen. Unser Weg ist das Ziel, und wir wollen bis zu Hause noch einiges persönliches erfahren. Die Wegberger Pilger sprechen von 54 km bis Kevelaer und laufen diese an einem Tag ab. Unser Weg hat 50% mehr Strecke, und so genießen wir noch drei Tage.
Als aber die Turmspitze der Basilika in Sicht kommt, haben wir nur noch eine Stunde unserer schönen Zeit. Noch einmal setzen wir uns an den Wegrand, um unsere Mittagsmahlzeit einzunehmen. Wir haben gelernt, etwas bewusster zu sehen und zuzuhören. Im Angesicht der Zinnen von Kevelaer beten wir noch einmal den Rosenkranz, und die Gnadenkapelle ist krönender Schlusspunkt unserer Pilgerreise.
Wir drehen uns um und begreifen: als Wanderer sahen wir das Märchenhafte am Niederrhein, als Pilger erfuhren wir das Spirituelle – hier dürfen wir „zu Hause“ sein!
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